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Statement

Bonn Institute unterzeichnet "Leipziger Appell"

Die MDR-Initiative setzt ein starkes Zeichen für Presse-, Rundfunk- und Informationsfreiheit. Auch das Bonn Institute zählt zu den Unterzeichnenden – warum, erklärt Ellen Heinrichs.

Ellen Heinrichs

Am 3. Mai ist Tag der Pressefreiheit, und es wird viel darüber gesagt werden, wie sie auch in Deutschland bedroht ist: durch intransparente Algorithmen, durch populistische Strategien, durch versuchte politische Einflussnahme und wirtschaftlichen Druck. Um auf diese bedrohlichen Entwicklungen mit aufmerksam zu machen, hat das Bonn Institute den Leipziger Appell zur Freiheit und Unabhängigkeit der Medien mit unterzeichnet. Denn die Pressefreiheit ist ein Grundpfeiler unserer Demokratie. 

Zugleich: Ein solcher Grundpfeiler muss auch tragen - beitragen; das liegt in seinem Wesen. Wir im Journalismus sollten deshalb kritisch überdenken, inwiefern unsere Arbeitsweise – der konstante Fokus auf Krisen, die beständige Darstellung politischen Ringens als fruchtloses Streiten, die dauerhafte Unterbelichtung wichtiger Perspektiven und die Kultur des kraftvollen „Sagen, was ist“ – nicht auch dazu beiträgt, Glaubwürdigkeit und Akzeptanz des Journalismus im 21. Jahrhundert zu beschädigen.

Steigende Nachrichtenvermeidung und sinkende Vertrauenswerte sind offenkundige Entwicklungen, an denen auch wir selbst – wir Journalistinnen und Journalisten – etwas verändern können.

Ein demokratisch wirksamer Journalismus braucht mehr Fokus auf Gelingendes, so viele Perspektiven, wie unsere komplexe Gesellschaft auch in Wirklichkeit hat, und ein interessiertes „Hören, was ist“. Kurz: mehr Demut, mehr Dienstleistung, mehr Fokus auf die Menschen und darauf, was sie von uns brauchen.

Dazu gehört übrigens auch das Ernstnehmen von Gefühlen, auch wenn das Vielen in unserer Branche widerstrebt. Angst, Wut und Misstrauen – das sind alles Gefühle, und sie lassen sich nicht allein mit Argumenten, Faktenchecks, Kommentaren und Daten widerlegen. Journalismus muss lernen, Menschen ganzheitlich wahrzunehmen.

Das geht mit diesen Kompetenzen: aktives Zuhören, authentisches Interesse, psychologisches Basiswissen mitsamt der Reflexion eigener Sichtweisen und Werte und auch die Bereitschaft, Fragen zu stellen, die überraschende Antworten auslösen könnten. Kurz: Wir müssen das journalistische Handwerk in einer Zeit, die von großer Anspannung und existenziellen Krisen gekennzeichnet ist, weiterentwickeln. 

Und nicht nur das: Wir sollten überdenken, wie wir Erfolg messen. Viel zu lange haben wir die Wirkung unseres Handelns vorwiegend unter dem Aspekt digitaler Reichweitenmessung zu betrachten – auch das eine unkritische Übernahme von Mechanismen digital erfolgreicher Konzerne, die für sich allerdings nie in Anspruch nehmen würden, Grundpfeiler der Demokratie sein zu wollen.

Sichtbare demokratische Wirkung - und Erfolg im Journalismus des 21. Jahrhundert - besteht neben dem unbestrittenen Faktor Sichtbarkeit und Reichweite zunehmend auch darin, Debatten anzustoßen, sie allparteilich zu moderieren, Menschen zusammenzubringen, Gemeinsamkeiten und Lösungswege aufzuzeigen sowie Perspektiven in den öffentlichen Diskurs einzubringen, die ansonsten vielleicht nicht gehört werden würden.

All das ist – neben der unbestrittenen politischen Aufgabe, Pressefreiheit zu bewahren – ein unerlässlicher eigener Beitrag unserer Branche, den Journalismus abzusichern: durch breite Akzeptanz und sichtbaren Mehrwert für unsere Demokratie.

Ich weiß, das ist unbequem, denn es zwingt uns, traditionelles Handwerk und journalistische Glaubenssätze zu hinterfragen, Unternehmenskulturen zu verändern und unser Selbstverständnis kritisch zu reflektieren. Doch die beste Versicherung für die Zukunft des Journalismus sind wahre Relevanz, Vertrauen und Erfolg beim Publikum. Packen wir es an.

Ein Statement von Ellen Heinrichs, Gründerin und Geschäftsführerin des Bonn Institute

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