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Interview

3 Fragen an ... Nic Newman

Der aktuelle "Trends and Predictions Report" des Reuters Institute zeigt, wie stark generative KI, Plattformlogiken und die Creator Economy den Journalismus unter Druck setzen – was dazu führt, dass nur jeder dritte Medienmanager positiv auf 2026 blickt. Wir haben mit Nic Newman, Autor der Studie, gesprochen.

Nic Newman auf dem b° future festival 2025

Was sind die zentralen Gründe für den verbreiteten Pessimismus?

Medienmanagerinnen und -manager gehen davon aus, dass Künstliche Intelligenz den Strukturwandel im Journalismus weiter beschleunigen wird. Die größte Sorge: KI-Chatbots beantworten immer mehr Informationsanfragen direkt in ihren eigenen Interfaces. Dadurch sinkt die Zahl der Weiterleitungen auf journalistische Websites und Apps erheblich.

Daten des Analyseanbieters Chartbeat, die wir ausgewertet haben, zeigen, dass dieser Effekt bereits messbar ist: Die Zugriffe aus der Google-Suche sind weltweit um rund ein Drittel zurückgegangen. Nachrichteninhalte sind bislang weniger stark betroffen als Service-, Lifestyle- oder Ratgeberinhalte – aber auch hier zeichnen sich Veränderungen ab.

Ein zweiter zentraler Faktor ist die weiter erodierende Beziehung zum Publikum. Insbesondere jüngere Zielgruppen nutzen klassische journalistische Angebote immer seltener. Gleichzeitig bleibt das Vertrauen in Medien über alle Altersgruppen hinweg auf einem niedrigen Niveau.

Hinzu kommt der zunehmende politische Druck auf Medienhäuser in vielen Ländern. Populistische Akteure delegitimieren Journalismus systematisch, um kritische Kontrolle zu schwächen. Dazu gehören Strategien wie die Diffamierung journalistischer Arbeit als „Fake News“, der Entzug staatlicher Werbegelder sowie juristische Drohungen oder Klagen, die gezielt zusätzlichen Druck erzeugen sollen.

 

Das klingt so, als läge die Verantwortung vor allem bei externen Akteuren – Künstlicher Intelligenz, jungen Zielgruppen, der Politik. Siehst Du auch hausgemachte Probleme der Branche als mitverantwortlich für die Krise?

Ja, durchaus. In der Branche wächst die Einsicht, dass der Journalismus selbst zur Vertrauenskrise beigetragen hat – etwa durch die Fixierung auf Klickzahlen und kurzfristige Werbeerträge, durch eine starke Negativagenda, durch Zuspitzung und Clickbait-Überschriften sowie durch die anhaltende Priorisierung von Output-Menge statt inhaltlicher Qualität.

Viele Verlage erkennen zudem, dass sie sich zu stark von Plattformen und deren algorithmischer Logik abhängig gemacht haben – mit der Folge, dass sie sowohl publizistische Kontrolle als auch das Vertrauen relevanter Publikumsgruppen eingebüßt haben.

Zwar setzen immer mehr Medienhäuser wieder auf Direktzugriffe, Abos und langfristige Publikumsbeziehungen. Doch dieser Kurswechsel erfordert tiefgreifende Veränderungen in Redaktionskultur, Arbeitsroutinen und Erfolgsmessung.

 

Was sollten Medienorganisationen in dieser schwierigen Situation tun? Was ist aus Deiner Sicht der wichtigste nächste Schritt?

Medienorganisationen müssen deutlich klarer formulieren, wofür sie stehen und welchen spezifischen Mehrwert sie in einem Umfeld nahezu unbegrenzter Inhalte bieten. Statt ein Universalangebot für alle zu produzieren, sollten sie die konkreten Informationsbedürfnisse klar definierter Zielgruppen analysieren und diese konsequent journalistisch lösen – mit relevanten und verständlichen Inhalten, die zur Interaktion einladen.

Der Versuch, über maximale Reichweite zu konkurrieren, ist wenig aussichtsreich: KI-getriebene Plattformen werden im Skalieren immer überlegen sein. Die Wettbewerbsfelder des Journalismus liegen vielmehr in Unverwechselbarkeit, menschlicher Perspektive, Haltung und klar erkennbaren publizistischen Werten.

Das Interview führte Ellen Heinrichs.

Zum Trends and Predictions Report

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