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Praxis

Wie konstruktive Debatten gelingen

Besser streiten – wie geht das? Ein neues Modell – die „Turbine der konstruktiven Konversation“ – beschreibt, was konstruktive Debatten ausmacht und wie sie im journalistischen Kontext gelingen können.

Eine Illustration von zwei Personen, die diskutieren und dabei Gemeinsamkeiten finden

Es wird viel geschimpft, geschmäht oder einfach nur behauptet: Politische Debatten – auch in den Medien – laufen nicht immer besonders zivilisiert, elaboriert und zielorientiert ab. Zahlreiche TV-Talks, zum Beispiel in Deutschland, werden somit auch nicht den Bedürfnissen der Zuschauerinnen und Zuschauer gerecht: Wie aus einer Studie des Constructive Institute hervorgeht, wünscht sich eine große Mehrheit der Deutschen zum Beispiel Sendungen, die konstruktiv angelegt sind – in denen unterschiedliche Positionen herausgearbeitet, Wissen vermittelt und lösungs- sowie verständigungsorientiert diskutiert wird. Wie aber geht konstruktiver Dialog? Und wie lässt er sich in Redaktionen gut umsetzen?

Das Constructive Institute ist im Frühjahr 2022 beim „Listen Louder Project“ unter anderem diesen Fragen nachgegangen und hat verschiedene Debattenformate analysiert. Dabei ging es auch darum, am Ende die Erkenntnisse zu systematisieren. So entstand die „Turbine of Constructive Conversation“ – ein Modell, das beschreibt, was konstruktive Debatten ausmacht und wie sie im journalistischen Kontext gelingen können.

Wir alle erleben es jeden Tag: In Worten, Kommentaren und Gesprächen steckt eine immense Energie. Diese Energie kann Konflikte anheizen. Sie kann aber auch genutzt werden, um Konflikte zu lösen und Ideen für eine bessere Zukunft der Gesellschaft und der Demokratie zu entwickeln. Die "Turbine der konstruktiven Konversation" soll dabei helfen, diese Energie für den Journalismus, die Gesellschaft und die Demokratie nutzbar zu machen. Das Modell versteht sich in erster Linie als Denkanstoß. Womöglich kann es aber auch im journalistischen Alltag Orientierungshilfe sein und auch als Checkliste bei der Formatentwicklung genutzt werden. Worum aber genau geht es – und wie ist das Modell aufgebaut?

Die Gesprächsebene

In der Mitte der Turbine befinden sich stabile Schaufeln, die, wie das Gespräch in der Gesellschaft, immer in Bewegung sein sollten. Jede der zehn Schaufeln steht für ein Element, das für ein konstruktives Gespräch elementar ist:

Zuhören, nicht nur warten, bis man wieder sprechen darf: Wenn Sie aktiv zuhören, wollen Sie wirklich verstehen, was jemand sagt und meint. Das erfordert Konzentration und Einfühlungsvermögen. Zugleich signalisiert es Offenheit, Respekt und Interesse am Gegenüber und seinen Argumenten. Das verbessert das Gesprächsklima erheblich und fördert das Verstehen. Jedes gute Gespräch setzt also Zuhören und die Grundannahme voraus, "dass der andere Recht haben könnte" (wie es der Philosoph Hans-Georg Gadamer formulierte).

Nachfragen, nicht nur reden: Wer selbst nur redet, lernt nichts. Es bringt jeden Einzelnen dagegen weiter, (offene) Fragen zu stellen. Das hilft dabei, Zusammenhänge besser zu verstehen – und auch das, was im Kopf eines anderen Menschen vorgeht. Und es hilft, Missverständnisse und Fehlinterpretationen zu vermeiden. Ein weiterer Punkt ist, kritisch zu bleiben und sich nicht mit einfachen Antworten zufriedenzugeben.

Fakten nennen: Ein konstruktives Gespräch beruht auf Fakten. Dies gilt nicht nur für den persönlichen Dialog, sondern auch für den Diskurs in der Gesellschaft: Maria Ressa, Journalistin und Friedensnobelpreisträgerin, hat es einmal so formuliert: "Ohne Fakten gibt es keine Wahrheit. Ohne Wahrheit gibt es kein Vertrauen. Ohne Vertrauen haben wir keine gemeinsame Realität, keine Demokratie."

Nuancen berücksichtigen: Die Welt ist nicht nur schwarz oder weiß. Es gibt unzählige Grautöne. Das gilt auch für das Spektrum der Meinungen. Diskussionen sind dann erfolgreich, wenn die Teilnehmenden Grautöne erkennen und ihre Argumente nuanciert beschreiben und darstellen.

Perspektivenvielfalt abbilden: Themen aus verschiedenen Blickwinkeln zu beleuchten, eröffnet neue Perspektiven. Und neue Perspektiven führen zu neuen Erkenntnissen. Auch das ist ein wichtiger Schritt auf dem Weg zur "best obtainable version of the truth", wie es der berühmte Watergate-Reporter der Washington Post, Carl Bernstein, einmal ausdrückte.

Lösungsorientierung: Für konstruktive Gespräche ist es wichtig, nicht bei der Problembeschreibung aufzuhören, sondern nach möglichen Lösungen zu suchen und zu fragen: Was jetzt? Welche Ansätze und Ideen könnten helfen? Dabei lohnt es sich, nicht nur aufmerksam nach links und rechts und nach oben und unten zu schauen, sondern vor allem nach vorne.

Respekt: Der Tonfall eines Gesprächs kann alles verändern – zum Besseren oder zum Schlechteren. Ansichten und Argumente auf zivilisierte Weise vorzutragen und einander mit Respekt zu begegnen, bedeutet neben dem angemessenen Tonfall, den anderen ausreden zu lassen und nicht persönlich anzugreifen. Sondern Mensch und Meinung zu trennen.

Konkret werden: Wenn Sie verstanden werden wollen, müssen Sie sich klar ausdrücken. Das bedeutet, vage Formulierungen zu vermeiden und zu versuchen, so präzise wie möglich zu sein. Beispiele helfen unter anderem, Aussagen zu verdeutlichen, sie greifbar und für den anderen verständlicher zu machen.

Aktivieren: Eine gute Diskussion ist ein Aufmerksamkeitsmagnet und lebt von der Bereitschaft der Teilnehmer, sich intensiv auf das Gespräch einzulassen, vor allem, wenn es in der Öffentlichkeit stattfindet. Potenzielle Zuhörerinnen oder Zuschauer sollten zum Nachdenken und Mitdiskutieren angeregt werden.

Verbinden, nicht spalten: Es ist wichtig, unterschiedliche Standpunkte zu benennen und zu erklären. Es ist aber auch unerlässlich, bei Konflikten nach Gemeinsamkeiten und Verbindendem zu suchen. Dies trägt dazu bei, Differenzen zu überbrücken, Lösungen zu finden und letztlich Fortschritte zu ermöglichen.

Das Format

Das Zentrum der Turbine, das die Gesprächsebene abbilden soll, wird durch einen doppelten Rahmen zusammengehalten. Der innere Rahmen besteht aus sechs Faktoren, die für ein funktionierendes journalistisches Gesprächsformat wichtig sind:

Ziel: Der Erfolg eines journalistischen Dialogformats hängt wesentlich von einer klaren Definition der Zielgruppen und Ziele ab. Wer soll mit dem Angebot erreicht werden und wie? Was soll die Diskussion in erster Linie leisten? Welche Erfolgskriterien sind relevant – von der Reichweite bis zur gesellschaftlichen Wirkung? Und was erwarten wir von den Teilnehmerinnen und Teilnehmern?

Regeln: Wenn Menschen mit unterschiedlichen Meinungen aufeinandertreffen, lernen im besten Fall alle Beteiligten dazu und sehen die Dinge aus neuen Perspektiven, im schlechtesten Fall läuft alles aus dem Ruder. Ob eine Diskussion eskaliert oder produktiv verläuft, ist jedoch keine Frage des Schicksals, sondern hängt von den jeweiligen Regeln ab. Sie sorgen dafür, dass ein sicherer demokratischer Diskursraum entstehen kann und eine abwechslungsreiche, spannende Diskussion.

Moderation: Eine gute Diskussion braucht eine Richtung und jemanden, der dafür sorgt, dass die Regeln eingehalten werden – ohne jemanden zu bevorzugen. Ein guter Moderator steuert, mäßigt, organisiert, sortiert die Diskussionsstränge und führt sie zusammen. Er stellt die richtigen Fragen und behält die inhaltlichen Streitpunkte im Auge, achtet aber auch auf das Verhalten und die Beziehungen zwischen den Diskussionsteilnehmerinnen. Er oder sie ist einfühlsam, fair und lösungsorientiert.

Setting: Baustelle oder Ballsaal, Sessel oder Stehplatz, dunkel oder hell? Räume, auch digitale, und die Positionierung der Teilnehmenden in ihnen haben einen wesentlichen Einfluss auf deren Verhalten und das Gesprächsklima. Das Setting sollte daher sehr sorgfältig gestaltet werden, um das inhaltliche Ziel eines Diskussionsformats zu unterstützen.

Recruiting: Die besten Themen zu finden ist eine ebenso große Herausforderung wie die Suche nach den besten Personen. Es wäre ein Gewinn für den öffentlichen Diskurs, wenn weniger bekannte Stimmen zu hören wären und einer Vielfalt von Stimmen mehr Raum gegeben würde. Es gibt so viele Menschen, die etwas zu sagen haben, denen man gerne zuhört und deren Ansichten neue Einsichten eröffnen. Solche Menschen zu finden, kann zeitaufwendig sein – aber sorgfältiges Recruiting zahlt sich aus.

Training: Wie gelingt es, junge Menschen besser in den öffentlichen Diskurs einzubinden? Wie kann die Stimme „normaler“ Bürgerinnen und Bürger noch mehr Gehör finden – und gleichzeitig die Diskussionskultur verbessert werden? Einige Medienhäuser geben auf diese Fragen vorbildliche Antworten, indem sie es sich zur Aufgabe machen, Interessierte aus ihrem Publikum zu coachen: in einer eigenen Debattierschule (wie bei der dänischen Tageszeitung Politiken), in Einzeltrainings vor der Teilnahme an einer TV-Sendung oder mit einem Streitbot, mit dem Diskutieren am Bildschirm geübt werden können. Dies kann ein wertvoller Beitrag sein, um Menschen zu befähigen, sich konstruktiver und häufiger an Diskussionen zu beteiligen.

Die Kultur

Aber nicht nur die genannten Faktoren auf der Gesprächs- und Formatebene müssen zusammenwirken, damit Journalisten ihre Rolle als vertrauenswürdige Moderatoren des öffentlichen Gesprächs noch besser erfüllen können. Nach den Analysen am Constructive Institute sind auch die kulturellen Rahmenbedingungen in der Redaktion von großer Bedeutung für die Entwicklung und Umsetzung neuer, zukunftsweisender Ansätze. Diese bilden den äußeren Rahmen der Turbine. Die wichtigsten Faktoren sind hier:

Nutzerzentrierung:
Journalismus, der zukunftsfähig sein will, stellt den Menschen in den Mittelpunkt: seine Bedürfnisse, seine Sorgen, seine Meinungen, aber auch seine Wünsche und Ideen. Publikumszentrierung bedeutet vor allem, zuzuhören – und mit dem Publikum im Gespräch zu bleiben – und nicht nur Angebote für die Menschen, sondern mit den Menschen zu entwickeln. Das stärkt die Markenbindung, bringt die Entwicklung passgenauer Inhalte und Produkte voran und hilft so auch dabei, die wirtschaftliche Zukunft zu sichern. Publikumszentrierung ist die Voraussetzung dafür, dass Journalismus auch morgen noch relevant ist.

Allparteilichkeit:
Als Moderatorinnen und Moderatoren öffentlicher Konversation können Journalistinnen und Journalisten zur Lösung von Konflikten beitragen – wie Mediatoren bei der Lösung von Konflikten zwischen Einzelpersonen oder Gruppen. Was lässt sich aus der Mediation lernen? Allparteilichkeit, zum Beispiel. Der Begriff soll zum Ausdruck bringen, dass eine Mediatorin auf der Seite aller Parteien steht und versucht, die Anliegen und Erwartungen aller zu verstehen. Falls nötig, unterstützt sie auch dabei, Bedenken und Erwartungen zu artikulieren, um gute Lösungen zu finden. Allparteilichkeit erfordert Einfühlungsvermögen: Es geht darum, sich in die Perspektive aller beteiligten Parteien zu versetzen, ohne jemanden zu bevorzugen. Dies kann auch in einem journalistischen Kontext helfen, Brücken zu bauen und Lösungen zu finden.

Diversität:
In zu vielen Nachrichtenorganisationen mangelt es an Vielfalt, sei es in Bezug auf Bildung, Geschlecht, soziale oder ethnische Herkunft. Zahlreiche Teile der Gesellschaft sind in den Medien nicht gut oder gar nicht vertreten. Das macht es umso schwieriger, diese Menschen und Gruppen zu erreichen und mit ihnen in Kontakt zu treten, da die Perspektive all jener Menschen auch bei der Entscheidung über Inhalte oder beim Entwickeln von Formaten fehlt. In dieser Hinsicht ist Vielfalt auch für die wirtschaftliche Zukunft eines Medienunternehmens von großer Bedeutung.

Transparenz:
Journalisten müssen viel offener sein und ihre Arbeit transparenter darstellen, wenn sie das Vertrauen der Öffentlichkeit erhalten oder von bestimmten Gruppen zurückgewinnen wollen. Sie sollten detailliert und offen über ihre Entscheidungen und Quellen berichten. Warum hat der Redakteur eine Geschichte einer anderen vorgezogen? Warum lädt er oder sie diese Politikerin zum Gespräch ein und nicht jenen Experten? Aber Journalisten sollten auch mit ihren eigenen Fehlern offen umgehen. Transparenz kann dazu beitragen, das größte Gut des Journalismus zu erhalten: das Vertrauen der Öffentlichkeit.

Experimentierfreude:
Die Digitalisierung hat die Medienlandschaft revolutioniert. Der Wandel ist keine Phase. Wandel ist die Standardeinstellung unseres Seins – und ihn zu gestalten ist eine Daueraufgabe für den Journalismus. Konkret heißt das, Ideen ständig zu entwickeln, zu testen, zu evaluieren und zu optimieren – oder wieder zu verwerfen. Ohne eine tief in den Redaktionen verankerte Kultur des Experimentierens kann der Wandel nicht gelingen, denn Experimentieren heißt lernen, besser werden. Dabei sollte man aber nie seine Ziele aus den Augen verlieren. Der irische Schriftsteller Samuel Beckett hat es einmal so formuliert: "Ever tried. Ever failed. No matter. Try again. Fail again. Fail better."

Die genannten Faktoren und alle drei Ebenen (Gespräch, Format, Kultur) der "Turbine der konstruktiven Konversation" müssen zusammenwirken und sollten ein kohärentes Ganzes bilden, damit das konstruktive Gespräch im journalistischen Kontext gelingt. Je mehr solcher Turbinen in Betrieb sind, desto mehr Energie wird erzeugt - für Gesellschaft und Demokratie.


Dieser Text ist eine aktualisierte und erweiterte Version eines Kapitels aus der Publikation des Constructive Institute: „Listen Louder. How journalists can counter polarization“.

Kontakt (bei Fragen oder Anregungen zum Modell): Peter.Lindner@bonn-institute.org

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